in der Coronakrise – wie geht es dem Kulturbetrieb?

23.Apr.2020 | Allgemein

Die Kulturbranche ist von der Coronakrise hart getroffen. Aber was bedeutet das konkret? Wie geht es den Kulturschaffenden jetzt?

Wir haben nachgefragt.

 

„Wir und durchweg die Veranstalter sind Optimisten“

Bild: Folkert Kakrow

Rainer Zellner ist Inhaber der Tübinger Künstler- und Konzertagentur Music Contact und seit über 30 Jahren im Geschäft.

Er ist der Mann hinter der jährlich stattfindenden, exquisit kuratierten und extrem erfolgreichen Tournee „Irish Spring Festival“.

Geplanter Tourstop am 02. April war das ausverkaufte Kulturzentrum neun. Dann kam Corona…

 

#trotzdemjetzt:  Wann haben euch die Auswirkungen der Coronapandemie zum ersten Mal direkt betroffen?

RZ: Nach 11 Shows (von 35) mussten wir die Irish Spring Tournee abbrechen und innerhalb von wenigen Stunden die Rückreise von 12 Musikern nach Irland organisieren. Es war die letzten Tage der Tour eine sehr besondere Stimmung, im Tourbus genauso wie im Publikum. In der Vorahnung der kommenden Katastrophe sind sich alle Beteiligten sowie das Publikum in hochemotionaler Atmosphäre begegnet. Der Schock des sehr kurzfristigen Abschieds hat in Team und unter Musikern noch lange angehalten. Mit ein Grund, warum wir genau diese Besetzung 2021 nochmal zur Tour einladen. 2020 wird uns de facto kein Einkommen gelingen, die Lage bezgl. Ausfallzahlungen und Ticketspenden ist noch unkalkulierbar.

 

Wie reagieren die Agenturen, Veranstalter*innen und Künstler*innen um euch herum? Wie verhält sich die Kulturbranche zurzeit?  

Ich sehe eigentlich nur Panik, gepaart mit allen nur erdenklichen Aktionen irgendwie mit den Totalverlusten und der äußerst vagen Situation, ohne realistische Perspektive umzugehen. Allerdings auch mit der Hoffnung, mit den Kulturschaffenden und dem Publikum zusammen durch die Verluste zu kommen, denn die eh schon knappen Subventionen des Kulturbetriebs werden sicher bald deutlich absinken.

 

Wie schätzt ihr die Auswirkungen der Coronapandemie und des Shutdowns für die Kulturlandschaft langfristig ein?

Die Menschen werden weiterhin Kultur schätzen, fragt sich nur, wie den Künstlern, Agenturen, Managern und Veranstaltern ein Überleben gesichert werden kann. Wenn es bald mehr auf die Ticketverkaufszahlen ankommt, werden die kleineren, mutigen, innovativen und progressiven Künstler massiv betroffen sein. Ich befürchte, es kommt bald wie in England oder USA, wo die Subventionen eine sehr geringe Rolle spielen, die Zahl der Künstler aber hoch ist. Dieser starke Wettbewerb führt dort dazu, dass kaum ein Künstler von der Kunst leben kann und Nebenjobs benötigt.

 

Wie sieht eure Arbeit jetzt aus?  

Wir und durchweg die Veranstalter sind Optimisten und verschieben so viel wie möglich ins nächste Jahr. Abarbeitung und Umbuchen der Absagen, Verhandlungen über evtl. Ausfallzahlungen, Ticketspenden usw. machen eine Menge unbezahlte Arbeit. Alles das hält uns beschäftigt, der Apparat muss allerdings auch finanziert werden, viele Stunden Büro sind weiterhin eben nötig.

 

Seht ihr auch Chancen durch die aktuelle Ausnahmesituation?

Ich könnte mir vorstellen, dass unser Publikum erkennt, dass wir letztlich alle im gleichen Boot sitzen. Ohne zahlendes, treues Publikum keine Shows, ohne professionelle Künstler keine Konzerthighlights, ohne Veranstalter kein Platz für all das. Damit wäre in Sache Solidarität schon eine Menge erreicht.

Um unseren Betrieb aufrechtzuhalten, haben wir eine Crowd Funding Aktion gestartet, das zielt in genau diese Richtung.

 

„Viele werden künftig auf dem Bau arbeiten oder Taxi fahren“

Bild: Marc Helfert

Diddy Metzger ist Musiker bei Dynamite Daze und Whiskey On Valentine´s. Außerdem steht er für Bluestown Concerts, die Agentur, die so hervorragende Künstler vertritt, wie Blueslegende Tommie Harris; gern gesehener Gast des Bluesfests Ingolstadt.

 

#trotzdemjetz: Wann haben euch die Auswirkungen der Coronapandemie zum ersten Mal direkt betroffen?

DM: Die ersten Auswirkungen habe ich Anfang März verspürt, als bei Musikern, Gästen und allen anderen die Begrüßungen distanzierter ausfielen. Die Stimmung war irgendwie seltsam. Zwei Wochen später war dann, wie wir wissen, Feierabend.

 

Wie reagieren die Agenturen, Veranstalter*innen und Künstler*innen um euch herum? Wie verhält sich die Kulturbranche zurzeit?  

Die Kulturschaffenden versuchen jetzt so gut es eben geht, neue Wege zu finden, wie man Kultur noch leben kann. Das ist leider fast nur noch im Internet zu realisieren. Auch wenn alle ihr Bestes geben, die Situation ist vergleichbar mit einem Auto, das nur noch auf drei Zylindern fährt. Du kannst voll aufs Gas drücken und kommst trotzdem kaum voran, noch ein bisschen mehr und das ganze Gebilde hat den Kolbenstecker.

 

Wie schätzt ihr die Auswirkungen der Coronapandemie und des Shutdowns für die Kulturlandschaft langfristig ein?  

Kultur kann eine Gesellschaft und eine Demokratie gesund erhalten, funktioniert aber nur mit Menschen, die physisch zusammen sind. Ich hoffe, dass sich die Situation schnell ändert, denn die Kultur ist momentan nicht nur eingeschränkt, der Zustand birgt große Gefahr für unsere Freiheit und die Demokratie.
Die Kulturlandschaft wird sich insofern verändern, dass viele Professionelle in Zukunft auf dem Bau arbeiten oder Taxi fahren werden.

 

Wie sieht eure Arbeit jetzt aus?

Ich arbeite außer an neuen Songs jetzt mehr im Garten und teste schon mal, wie das mit dem Kartoffelanbau funktioniert.

 

Seht ihr auch Chancen durch die aktuelle Ausnahmesituation?

Ich würde ja gerne zum Abschluss was Positives von mir geben, aber ich bin der Wahrheit verpflichtet und sehe keinen Vorteil oder eine Chance in der momentanen Situation. Die Kultur in Europa war schon angeschlagen, bevor der Virus auftauchte, jetzt geht es nur noch um Schadensbegrenzung.

 


 

Schadensbegrenzung, Durchhalten und Erhalt der Kulturlandschaft sind die Stichworte der Stunde in einer Situation, in der wir alle uns fragen, wie lange sie noch andauern wird. 

Wir schauen noch einmal nach Ingolstadt und zur Eventhalle in den Westpark: Was es für einen Konzertveranstalter bedeutet, wenn plötzlich gar keine Einnahmen mehr erzielt werden und wie sich die angekündigten Unterstützungen von Bund und Land auswirken, haben Birgit Giesl und David Krebs im Interview mit dem Donaukurier erklärt. 

Zum Schluss möchten wir euch noch die folgende Aktion vorstellen: die Ingolstädter Hardrock-Legenden von Bonfire haben „Keep Bonfire Burning“ ins Leben gerufen. Denn nach über 40 abgesagten Auftritten geht es für die Band jetzt darum, einen Weg zu finden, die Zeit ohne die Möglichkeit von Live-Auftritten zu überstehen. Für Bonfire bedeutet das Studiozeit und die Aufnahme einer unplugged Doppel CD/LP. Wenn ihr sie dabei unterstützen wollt, checkt hier ihre Startnext-Kampagne

 

Bild: Maciej Schwarz

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