Wenn Ausnahmesituationen etwas Neues anstoßen

25.Mai.2020 | Allgemein

Im Rahmen der Ingolstädter Literaturtage 2020 war eine Lesung im Arzneipflanzengarten des Deutschen Medizinhistorischen Museums geplant. Die großartige Autorin Marica Bodrožić hätte aus ihrem Roman „Das Wasser unserer Träume“ gelesen und mit der Literaturwissenschaftlerin Julia Knapp gesprochen. Wir müssen leider auf diesen Abend verzichten.

Trotzdem möchten wir euch natürlich Maricas Arbeit und ihren Roman „Das Wasser unserer Träume“ empfehlen, über den die diesjährige Marieluise-Fleißer-Preis-Trägerin Iris Wolff schreibt:

 

Diesen Roman habe ich langsam gelesen, wie etwas Kostbares.
Er beschenkt seine Leserinnen und Leser mit vielen wundervollen
Bildern und Einsichten, und ist für mich der Beweis, dass
Kunst immer aus etwas entsteht, das größer ist, als wir. Einige
meiner Lieblingssätze sind: Nichts geschieht grundlos, ganz
besonders nicht das Glück. Hat jeder eine Welt für sich oder
teilen wir die gleiche im Schweigen? Oder: Die Vergangenheit
arbeitet gegen die Verwandlung.

 

Marica Bodrozic schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien, darunter den Förderpreis für Literatur der Akademie der Künste in Berlin, den Kulturpreis Deutsche Sprache, den Literaturpreis der Europäischen Union und zuletzt für den Band „Mein weißer Frieden“ den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2015.
Im November 2020 wird die Autorin mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen ausgezeichnet.

Marica Bodrozic lebt als freie Schriftstellerin in Berlin.

 

 

Wir haben sie gefragt, wie sie die Coronakrise erlebt:

#trotzdemjetzt: Wann haben dich die Auswirkungen der Coronapandemie zum ersten Mal direkt betroffen?

Marica Bodrožić: Als meine 19 Monate alte Tochter nicht mehr zur Tagesbetreuung konnte, änderte sich etwas für mich im Alltag. Allerdings war sie nur kurz dort und wir gingen wieder zum Alltag über wie er bei jungen Eltern üblich ist: 24 Stunden Dasein für das Kind – meine Kräfte wurden weiterhin rund um die Uhr gebraucht und das fühlte sich richtig an.

 

#tj: Wie reagieren die Agenturen, Veranstalter*innen und Künstler*innen um dich herum? Wie verhält sich die Kulturbranche zurzeit?

MB: Viele Veranstalter haben sich auf Online-Formate umgestellt, die meisten haben die geplanten Vorträge oder Lesungen abgesagt. Ich habe in den Kommunikationen mit meinen Gesprächspartnern nur intensiven und sehr schönen Austausch erlebt, etwas Wesentliches war in der üblichen Kommunikation hinzugekommen und das habe ich als wohltuend empfunden. Wir wurden für einander wirklich sichtbar. Das Aargauer Literaturhaus hat beispielsweise statt einer Residency Schreibaufträge vergeben. Für mich ging es also auch in dieser Hinsicht einfach mit dem Schreiben weiter. Ich habe in diesem inneren Exil viel gelernt, vielleicht geht es anderen auch so, schließlich sind wir am Ende alle Einzelne und tragen so (und nur so) auch etwas zum schöpferischen Kreislauf bei.

 


Ich habe in diesem inneren Exil viel gelernt,
vielleicht geht es anderen auch so,
schließlich sind wir am Ende alle Einzelne
und tragen so (und nur so)
auch etwas zum schöpferischen Kreislauf bei. – Marica Bodrožić


 

Wie schätzt du die Auswirkungen der Coronapandemie und des Shutdowns für die Kulturlandschaft langfristig ein?

Ich hoffe, dass es insgesamt eine Kraft der Erneuerung gibt, neue und andere Ideen, mehr geistige Beweglichkeit, auch Zuversicht und Bereitschaft, für das Wesentliche einzustehen.

 

Wie sieht deine Arbeit jetzt aus?

Ich arbeite ganz normal weiter, eigentlich sogar mehr als sonst. Der Schreibtisch ist mir mehr denn je zum Ort geworden. Ich bin dankbar für meinen Beruf.

 

Siehst du auch Chancen durch die aktuelle Ausnahmesituation?

Ja, ich denke, dass alle Ausnahmesituationen etwas Neues anstoßen und dass es wichtig ist, dem Vergangenen nicht bloß nur nachzutrauern, sondern die Trauer zu durchdringen und sich dann aber auch mit voller Kraft auf das auszurichten, was nun möglich ist und vielleicht auch erst jetzt überhaupt möglich wird. Ich nehme diese Situation zum Anlass, mir jeden Tag noch treuer zu werden und noch genauer auf das zu hören, was ich innerlich als meinen Weg empfinde. Der Weg korrigiert einen ja durch eindeutige Signale. Es ist nicht wichtig, den Weg zu kennen, sondern für mich, darauf zu vertrauen, dass der Weg mich kennt. Diese Impulse zu lesen, ist ein wichtiges Momentum im inneren Leben. Insofern ist eigentlich für mich jeder Tag eine Ausnahmesituation. Covid19 spitzt das und alles andere zu. Die Chance, die jetzt alle haben, ist die Einbringung der eigenen Stimme
– und zwar ohne jede Ausnahme. Jetzt geht uns einfach alles etwas an, die Natur, das Denken, die Politik, das Kapital, es gibt nichts, das uns von unserer Verantwortung entbindet.

 


Die Chance, die jetzt alle haben, ist die Einbringung der eigenen Stimme
– und zwar ohne jede Ausnahme.
Jetzt geht uns einfach alles etwas an, die Natur, das Denken,
die Politik, das Kapital, es gibt nichts,
das uns von unserer Verantwortung entbindet. – Marica Bodrožić


 

 

An dieser Stellen möchten wir euch auch Maricas oben erwähnten sehr lesenswerten Text „Die Welt in der Welt“ ans Herz legen, der im „Home Writing“ für das Aargauer Literaturhaus entstand.

Die Autorin betrachtet darin die Rolle der Politik und die Verantwortung internationaler Unternehmen im Kapitalismus, genauso wie unsere eigene Verantwortung und unser inneres Leben im gegenwärtigen Ausnahmezustand.

 

Auszug aus „Die Welt in der Welt“:

„Während sich die Natur im Lockdown erholt, in diesem wie unter kosmischer Regie stehenden Stillstand, höre ich förmlich die Luft im neuen Lungenvolumen aufatmen, die Vögel singen, den Regen musizieren.

Der Himmel und seine blaue Stunde sind wieder wahrhaft möglich geworden – auch in unseren Städten. Wir Müden und Entkräfteten hören ihnen zu. Wir, die wir alles an die Obrigkeit delegiert haben im Glauben, nichts mehr (und nicht einmal mehr mit unserer Wählerstimme) selbst ausrichten zu können, wir merken vielleicht doch und gerade jetzt, dass wir vor allem das Denken in uns selbst lange, bevor Covid19 uns in unser inneres Exil gebracht hat, lahmgelegt haben.“ Marica Bodrožić

 

 

Bild: Peter von Felbert

Stop Racism!

Stop Racism!

Basement Performing Arts Tanzstudio setzen mit ihrem Video ein Zeichen gegen Rassismus

mehr lesen
Wissen in Bewegung

Wissen in Bewegung

Welche Anliegen trägt die Kultur- und Kreativwirtschaft an die Zusammenarbeit mit Hochschulen heran?
Welchen Beitrag können die Wissenschaften für Kunst und Kultur leisten?

Online-Dialogforum am Freitag, 05.06.2020

mehr lesen
The Musician

The Musician

Bernhard Hollinger: Ingolstadt, Amsterdam, New Orleans, Berlin

In dieser Videodokumentation erfahrt ihr, wie der vielschichtige Künstler zur Musik kam und was für ihn Antrieb, Inspiration und prägende Erlebnisse sind

mehr lesen
Interviews im Kulturkanal

Interviews im Kulturkanal

Kulturreferent Gabriel Engert über die städtische Kultur in der Coronakrise und Theaterintendant Knut Weber über die Zwangspause des Stadttheaters

mehr lesen